Sonderausstellung


SCHNITTSTELLE. 
Cut-out trifft Schattenriss

6. Juli – 4. November 2018


Den Auftakt zu Brückenschlägen in die Gegenwartskunst im Museum August Macke Haus macht eine Ausstellung, die ein traditionsreiches Medium und seine zeitgenössischen Neuinterpretationen durch 16 Künstlerinnen und Künstler vorstellt: Aus der alten, in ihren Formaten und Formen beschränkten Technik des Scherenschnitts entwickelt sich gegenwärtig ein sensationell vielgestaltiges Spektrum künstlerischer Positionen – von miniaturhaft kleinen Exponaten zu raumfüllenden Installationen, vom strengen Schwarz-Weiß zur Farbe, von einer  vegetabilen Ornamentik zum politischen Statement.


Lotte Reiniger, Filmstil aus dem Animationsfilm: Die Abenteuer des Prinzen Achmed, 1923–26
Ernst Moritz Engert, Selbstporträt, 1914, Schwarzschnitt, Museum August Macke Haus
August Macke, Boot V, undatiert (ca. 1911) Scherenschnitt und Collage, Privatbesitz © Foto: Günter Weber, Bonn


In Form eines kleinen Prologs richtet sich der Blick auf Ernst Moritz Engert (1892–1986), ein im Kreis der Rheinischen Expressionisten ausgewiesener Silhouettist und Schattenspieler, sowie auf Lotte Reiniger (1899–1981), eine Pionierin des Animationsfilms. Ausgehend von den ausdrucksstarken Arbeiten des Expressionismus, zu denen eine noch nie gezeigte Collage von August Macke (1887–1914) gehört, entfaltet sich ein spannungsvoller Parcours mit zeitgenössischen Werken, die alle Möglichkeiten mit Papier, Schere, Messer oder Skalpell spektakulär ausreizen.


Felix Droese, Antiterroreinheit unterwegs zu einem Begräbnis der Kunst, 1992–2000, 14 Papierschnitte, Fotocarton, collagiert © Foto: Gert Jan van Rooij, Courtesy: Galerie Onrust, Amsterdam
Annette Schröter, Sieger der Geschichte 1, 2007, Papierschnitt, Museum der bildenden Künste Leipzig © Foto: Erasmus Schröter


Dass der Papierschnitt durch seine besondere Prägnanz kritisches Potential besitzt, beweisen Künstler wie Felix Droese (*1950) und Annette Schröter (*1956). Während Droese in monumentalen Schattenrissen den Umgang mit kritischen Anfragen durch die Kunst ironisiert, inszeniert die in Leipzig tätige Annette Schröter zum Klischee geronnene Motive des sozialistischen Realismus. Gewalt und Unterdrückung charakterisieren die nur auf den ersten Blick harmlos wirkenden Arbeiten von Tobias Gerber (*1961), die in ihrer mäandernden Ausprägung an frühe Formen des Schattentheaters erinnern.

Das Interesse von Anett Frontzek (*1965) gilt Ordnungssystemen  wie See- und Landkarten, die zur Erschließung der Welt entwickelt wurden und heute wie historische Relikte einer vordigitalen Zeit wirken. Ausgehend von computergenerierten Formen entwickelt Lena von Goedeke (*1983) schließlich fragile Landschaftskompartimente von fremdartiger Schönheit mit verblüffender Fern- und Raumwirkung.


Hans Lankes, CLOUD, 2018, Messerschnitte, Im Besitz des Künstlers © Foto: Michael Spaan
Martin Noël, Aus der Serie: Zwischen Himmel und Erde, 2009, Ausgeschnittene Linien aus Aquatintaradierungen, Privatsammlung © Foto: Mick Vincenz
Volker Saul, Aus der Serie Headhunters, 2015, Acryl auf geschnittenem Papier, Im Besitz des Künstlers © Foto: Peter Hinschläger


Zipora Rafaelov
(*1954) zeigt erstmals aus ihrer Serie Relaxing Women drei Beispiele lasziv lagernder Frauen, die in Bildsprache und Farbigkeit Erinnerungen an Werke von Henri Matisse oder Otto Dix wachrufen. Marion Eichmanns (*1974) überbordende, bunte Papierschnitte reflektieren zeitgenössische Konsum- bzw. Wohnwelten. Für die Bonner Ausstellung erarbeitete sie eine ortsspezifische Variante ihrer Installation Laundromat, eines hyperrealistischen Waschsalons. Bunt kommen auch die Headhunters von Volker Saul (*1955) daher: kleine Manipulationen verwandeln abstrakte Formen in skurrile Monster.

Der zeitgenössische Begriff ›Cut-out‹ schließt raumgreifende Installationen ein. Der Münchner Andreas Kocks (*1960) realisiert für die Bonner Schau eine Arbeit, die sich mit den  Paradiesvorstellungen von August Macke auseinandersetzt. Heike Weber (*1962) arbeitet mit mehrlagigen vegetabilen Formen von beeindruckender Plastizität und kreiert für das Museum August Macke Haus ebenfalls einen neuen, wandfüllenden Schnitt. Das Thema Natur beschäftigt auch die Bonner Künstlerin Cornelia Genschow (*1974), die für ihr Schablonen-Graffiti dort auf Spurensuche ging, wo Mackes berühmtes Landschaftsgemälde ›Am Rhein bei Hersel‹ (1908) entstand.


Andreas Kocks, Exile From Paradise (#1803G), (Modell-Detail), 2018, Graphit auf Aquarellpapier, Courtesy: Andreas Kocks und Galerie Thomas Modern, München © Foto: Jörg Fokuhl
Heike Weber, Scrub (Detail), 2018, Scherenschnitt, doppellagig, Acryl auf Papier, Tonpapier, Im Besitz der Künstlerin © Foto: Victor Dahmen


Farbe ist ein zentrales Thema im Museum August Macke Haus: Gabriele Baschs (*1964) großformatige mit Spraylack überarbeitete Papierschnitte zeigen ein verblüffendes, illusionistisches Farb-Echo, während die kleinen fluoreszierenden Messerschnitte von Hans Lankes (*1961) als Schwarm die Wand erobern. Reduktion bis auf eine einzige Linie ist das Sujet einer außergewöhnlichen, erstmals ausgestellten Serie von Martin Noël (*1956, †2010). Katharina Hinsberg (*1967) zeigt in der für sie charakteristischen Präzision fragile weiße  Papierschnitte mit netzartigen Strukturen und die in Berlin lebende Britin Charlotte McGowan-Griffin (*1975) ist mit ›White llinx‹, einer überaus dynamischen Arbeit vertreten.


Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog, hrsg. von Klara Drenker-Nagels und Martina Padberg zum Preis von 29,80 Euro an der Museumskasse.

alle Abbildungen © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
außer: Andreas Kock, Hans Lankes, August Macke, Lotte Reiniger


Förderer der Ausstellung: